Sven Lager
Oft habe ich mich gefragt wie man am besten zusammenhält. Durch dick und dünn geht. Es gibt ja Paare, die sich sogar verdächtigen Bücher oder Unterhosen vom anderen zu stehlen und auf der Hut sind, ohne jede Bedrohung von Außen. Und es gibt Liebespaare, die nach vielen Jahren trotz Affären, Lügen und Verrat zusammenstehen. Vielleicht niemals auch nur daran gezweifelt haben.
Ich hab nie gezweifelt, daß Elke und ich zueinander halten, aber habe auch meine Vorstellungen von Treue. Wie in unserem Buch beschrieben, schwor ich am Isarstrand, daß ich nie mit ihr zusammenbleiben würde wegen der Kinder, falls wir uns mal nicht Lieben. Eine Liebeserklärung mitten in Elkes tiefste Angst, als Mutter mit Kindern verlassen zu werden.
Meine Vorstellung war also: Wir halten zusammen bis wir uns eben nicht mehr lieben. Kann ja passieren, dachte ich. Und da ich selber ein Kind zerrütteter Ehe bin, fand ich, Kindern muss die Lüge und der Kampf erspart bleiben. Das war meine Romantik.
Inzwischen entsetzen mich langjährige Paare, mit Kindern, die jeder auf eigenen Füssen stehen, arbeiten und eine gute Portion Misstrauen für pragmatisch halten. Die alles Tun und Lassen, Erziehen und Lieben des andere ständig abklopfen auf Hohlräume und morsche Stellen. Die ihre Liebe misstrauisch beobachten, um rechtzeitig abspringen zu können.
Ich bewundere dagegen Paare, die durch einiges gegangen sind, sich hintergangen haben, belogen, betrogen, die aber zusammenhalten. Die im schlimmsten Moment des Zusammenbruchs und es Versagens Schulter an Schulter stehen. Die die menschliche Größe des anderen erkennen und sich selbst nicht höher stellen. Die das Prinzip Liebe, die die Hoffnung höher stellen als ihre eigenen Unzulänglichkeiten.
Ich bezweifle nicht, daß Elke und ich zusammenhalten, wenn es hart auf hart kommt. Und doch gerieten wir neulich aneinander, als wir wieder ohne Geld dastanden. Kein Cent. Keine Rücklagen. Nichts.
Elke und ich, wir leben oft mit dem Gefühl, daß Geld nur Schuldenlöcher stopft, Honorare oft zu spät kommen und wir wenig haben. Und doch auf ein Jahr gesehen, zum Leben ausreichend verdienen. Aber wir fühlen uns zu kurz gekommen.
Wir standen ohne Geld da, auf Reisen, unterwegs mit Kindern, hungrig, in ollen Klamotten, ohne Brille, aber mit neuem Vertrag.
Eine Woche liefen wir bedrückt rum, liehen uns, und begannen nach einer Woche vor den Kindern und meiner Mutter einen Streit, der so laut war, daß das ganze Haus uns gehört haben muß. Dank dem hellhörigem Hinterhof.
Elke war sauer, weil ich es nicht geschafft hatte alles zum Guten zu regeln. Über Jahre haben wir endlich geklärt, daß sie Geld mir überlässt und mir vertraut. Und ich war sauer, daß sie es schon wieder besser wusste und nicht hinter mir stand und ihren Ärger an mir abliess. Beide waren wir unser Leben satt.
Vertrauen ist auch eine Entscheidung. Bleiben. Alles versuchen. Wir haben zwei Wochen gebraucht, um uns zu erholen. Um uns von unserer Uneinigkeit zu erholen. Von einer kleinen Katastrophe.
Es spielt keine Rolle ob ich schlampig oder ungenau bin, sie kontrollierend oder hysterisch, wir blind oder das Leben einfach teurer. Worauf es ankommt ist unser Zusammenhalt. In der Liebe gibt es diese Entscheidung zusammenzustehen. Radikal gesagt, die Liebe steht über allem, auch wenn der andere sich als Serienmörder entpuppt. Zusammenbrechen kann dann die Liebe nur, wenn einer die ganze Zeit gelogen hat und die ganze Idee ausgehöhlt.
Unser Kinder nahmen den Streit gelassen. So als wüssten sie, daß keine Gefahr besteht. Aber ich war beunruhigt, Elke auch. Wir hatten uns nicht auf die italienische Weise gestritten, laut und albern. Uns war ernst.
Mann, wir halten den Druck nicht zusammen aus, dachte ich, sondern immer noch trägt jeder die volle Last. Elke indem sie mich unwillig machen lässt, obwohl sie es besser weiß. Und ich unwillig und machend, obwohl ich keine Lust auf die langweiligen Seiten der Verantwortung.
Misstrauen wir uns? Müssen wir uns einigen, worin wir uns vertrauen? Gibt es Grenzen?
Eine Bekannte erwischte gerade ihren Freund mit ihrer besten Freundin. Die Affäre ging schon ein halbes Jahr. Beide haben ein kleines Kind, und trotzdem kann sie ihm nicht verzeihen, will gar nicht. Sie hat ihn rausgeschmissen. Nach 10 Jahren. Weil sie ihm nicht mehr trauen kann. Und nachdem sie mir es erklärt, beginne ich es zu verstehen. Er würde es jederzeit wieder tun, sagt sie, er bereut es nicht wirklich.
Ich würde Elke umbringen, würde aber Vergebung erwarten, wenn ich sie betrogen hätte. Wie weit bin ich davon entfernt ihr überhaupt zu verzeihen?
Wir beide wissen, daß da wo Vertrauen sein sollte, oft eine Bitterkeit ist, ein Frustration. Meist aus einem Missverständnis, oft aus dem Bedürfnis sich über andere zu stellen, meist ohne die Folgen zu ahnen. Aber so ein bisschen Misstrauen vor zehn Jahren hier und da, wird zu einem stinkenden Monster im Hier und Jetzt.
Ich mag Vergebung. Reue. Tränen. Es ist eine Entscheidung. Wie die Liebe, die Ehe. Ich vertraue Elke. Auch wenn ich ihr manches nicht zutraue. Und wir müssen uns am Ende weit mehr vertrauen als unser Verstand uns zu sehen erlaubt. Und mit Vertrauen meine ich nicht Blindheit. Vertrauen ist eine Handlung, hat Neugier, Interesse und schläft nach dem Sex nicht sofort ein.
Aber das ist vielleicht eine sehr männliche Sicht. Denn vor allem anderen ist mir Elkes Vertrauen wichtig. Ihr Respekt. Egal was ich anstelle.
Elke kann vielleicht mit meinem unbedingten Vertrauen wenig anfangen und will lieber geliebt werden mit Worten, Geschenken, Reisen, Gesten, Tees, Büchern, iPods und Küssen. Oder?